Das Wort zum Sonntag – 1. Adventsonntag

Liebe Pfarrgemeinde!

keine Zeit des Kirchenjahres ist uns seit Kindertagen so vertraut wie der Advent. Nirgends kennen wir so viele Strophen auswendig wie bei den Adventsliedern. Das ist schön und macht es uns leicht, in den Advent einzutreten. Aber solche Vertrautheit lässt uns vielleicht auch überhören, was wir da singen:

O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Hören wir das Ungestüme dieser Sprache? Sehen wir, wie die Fetzen fliegen?

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.

Wie ein Wolkenbruch, wie ein prasselnder tropischer Regen soll es den Heiland, den Retter, vom Himmel herunterschwemmen - oder umgekehrt aus der Erde heraustreiben:

O Erd, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, hervor dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.

Von oben, von unten - es ist gleichgültig, woher er kommt, wenn er nur kommt! Woher kommt die Unruhe in diesem Lied? Was wird hier reklamiert? Was wird hier eingefordert? Viel zu harmlos, was man uns dazu erzählt hat: Mit solcher Inbrunst hat das Volk Israel den Messias erwartet: „Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab“ Denn wenn wir die Bibel aufschlagen und die Verse aufsuchen, die unseren Adventsliedern zugrunde liegen, geht es gar nicht um den „Gerechten“, sondern um Gerechtigkeit.

Es ist also der Schrei nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Freiheit, Wahrhaftigkeit und Bewährung, der die Adventslieder erfüllt, und es ist auch nicht „das Volk in bangen Nächten“, das so dringlich den Frieden für die Erde einfordert, sondern es ist Gott selber: „Ich, der Herr, will es vollbringen“.

Es ist Gott selber, der von der adventlichen Unruhe umgetrieben wird. Er steckt uns damit an. Was also die Seele des Advents ausmacht, das ist eine tiefe, leidenschaftliche Sehnsucht, die uns mit Gott verbindet, die Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, Frieden und Freiheit leben können. Es ist die Sehnsucht nach der Welt, wie Gott sie gewollt hat, als er „am Anfang“ Himmel und Erde schuf.

Dazu ist der Advent da. Er ist uns gegeben als eine Zeit der Einübung in die Ungeduld! So einen Advent, der dann gar nicht so besinnlich und ruhig ist, wünsche ich uns.

Pfarrassistent Franz Pamminger