Das Wort zum Sonntag – 22. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Der Prophet Jeremia gefällt mir, wie er die Dinge beim Namen nennt, wie er mit seinem Gott spricht, das imponiert mir. Jeremia fühlt sich von Gott verführt. Jeremia ist bitter enttäuscht von Gott. Und er sagt ihm dies mitten ins Gesicht. Er übernahm sein Prophetenamt, weil er an Gottes Stärke, an seine Macht geglaubt habe und darauf vertraute, dass er ihm hilft und zur Seite steht. Jeremia klagt Gott an. Er hat den Mut, Gott zu sagen, was Sache ist. Es ist kein nerviges Gezeter oder Herum-Geplärre, sondern die sachliche Aufzählung der Punkte, die Jeremia Gott zum Vorwurf macht.

Der Prophet Jeremia hat Format. Er nörgelt nicht irgendwo in den Ecken herum, hetzt andere nicht gegen Gott auf, rächt sich nicht an ihm, indem er Gottes Auftrag nur nachlässig oder schludrig ausführt. Von Mann zu Mann fordert er Gott zur Stellungnahme heraus, den er für seine missliche Situation verantwortlich macht: Seinen Gott, der ihn betörte. - Bewundernswert an Jeremia ist: Er schleicht sich nicht einfach davon, sondern ringt mit Gott, der ihm eine Last aufgebürdet hat, die seine Kräfte überfordert. Jeremia nimmt Gott ernst. Er gibt Gott Recht, dass dieser nicht länger zusehen will, wie die Mächtigen im Lande die Kleinen und Schwachen ausbeuten, ihnen nach Lust und Laune Unrecht antun und sich nicht um Gottes Gebote scheren. Ihnen muss ins Gewissen geredet und Einhalt geboten werden. Jeremia ist bereit, dazu seinen Beitrag zu leisten. Darum konnte er ein Ja zu Gottes Auftrag sagen.

Aber dann kommt der Hammer, dieses Unverstehbare an Gott. Gerade die, die bereit sind, für ihn zu kämpfen, sich für ihn einzusetzen und zu engagieren, ihm die Treue zu halten, scheinen oft sehr von ihm verlassen zu sein. Ja mehr noch: Sie erleiden nicht nur Misserfolge; sie ernten auch noch Undank, Vorwürfe, Verdächtigungen. Und nicht selten schlägt obendrein das Schicksal zu: Unglück, Pech, Krankheiten.

In jeder Gemeinde gibt es die Fälle, wo Menschen am Boden liegen, weil ihrem Einsatz, ihrem Engagement nicht Lob und Anerkennung folgten, sondern harte, oft ungerechte Kritik, Undank, Vorwürfe, Verdächtigungen. – Ich denke die Lesung dieses Sonntags - der Prophet Jeremia - kann uns in diesen Situationen zum Vorbild werden: Welch wunderbares Verhältnis hat Jeremia zu seinem Gott. Er traut diesem zu, dass er, Jeremia, zwar nur ein Mensch und Geschöpf Gottes, dennoch mit ihm ringen und sich mit ihm auseinandersetzen darf. Jeremia lässt Gott, sobald er sich von diesem im Stich gelassen fühlt, nicht links liegen, als könne man das einfach so, um dann seine eigenen Wege zu gehen. Der Prophet macht Ernst damit, dass man letztlich nicht an Gott vorbei leben kann. Warum probieren wir das nicht auch öfter, wenn es uns „schlecht geht mit Gott“?

Pfarrassistent Franz Pamminger