Das Wort zum Sonntag – 1. Fastensonntag

Liebe Pfarrgemeinde!

Es gibt Menschen, die auf jede Frage eine Antwort parat haben oder in jeder Situation sofort eine passende Bibelstelle zitieren können. Das kann einerseits sehr beeindruckend oder gar bereichernd für den jeweiligen Gesprächspartner sein, das kann aber mitunter auch den Eindruck erwecken, die Anliegen oder Argumente des anderen einfach niederzubügeln und sich nicht die Mühe machen zu wollen, in ein größeres Nachdenken oder eine Diskussion zu geraten.

Ganz gleich welche Absicht letztlich hinter dieser Art der Kommunikation steckt: wer sie pflegt, muss textsicher sein. Peinlich wäre es, ein falsches Zitat oder eine unpassende Stelle ins Gespräch einfließen zu lassen. Dieser Schriftkenntnis scheint sich im heutigen Evangelium auch der Teufel sicher zu sein und so zitiert er aus Psalm 91 durchaus richtig, letztlich aber leider nur dem Wort und nicht dem Sinn nach. Denn im Anführen dieser Zeilen zeigt sich eine Versuchung, der wir Menschen immer wieder erliegen: Gott selbst zu einem Handeln zu zwingen, wie wir es uns vorstellen. Er sagt doch, dass ich behütet werde, dass ich auf Händen getragen werde und mir nichts passieren kann. Wenn Gott mich also liebt, dann muss er doch dafür sorgen, dass es mir gut geht in meinem Leben.

Wie irreführend und enttäuschend wäre eine solche Weise des Bibelverständnisses! Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass ich Bibeltexte mehrmals lesen, bearbeiten und in mir nachklingen lassen musste, ehe ich zu einer Erkenntnis gelangt bin, die jedoch bei der nächsten Beschäftigung mit dem gleichen Text schon wieder überholt oder anders akzentuiert werden konnte.

Die Art und Weise, wie Jesus im Evangelium mit den von ihm angeführten Schriftstellen umgeht, ist für mich dabei wegweisend. Er kann die Worte mit einer Sicherheit zitieren, weil er das Vertrauen hat, dass Gottes Zusage feststeht. Dass er auf seine Weise hilft und dadurch dunkle Stunden in unserem Leben nicht weggezaubert werden, sondern durch Gottes Zusage überhaupt erst zu ertragen und zu bewältigen sind. Eine solche Sicherheit zu erlangen ist mitunter ein schweres Stück (Bibel-)Arbeit. Aber glauben sie mir: es lohnt sich!

Ihr Pfarrer