Das Wort zum Sonntag – 2. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Ein neues Jahr hat begonnen und wir dürfen gespannt sein, was es so alles bringen wird. Weihnachten, die Zeit des Schenkens und Beschenktwerdens ist vorbei. Der Alltag hat uns wieder und der Lockdown noch immer – in der derzeitigen Situation wird uns wahrlich nichts geschenkt. Grund genug, ein wenig darüber nachzudenken, ob unser Leben in Corona-Zeiten nur steril und auf Sicherheitsabstand ablaufen muss.

Ich möcht' Ihnen eine kurze Episode aus meinem Leben erzählen. Ich war damals im Priesterseminar – es ist also schon eine ziemliche Weile her. „Wenn's nicht bald zu schneien aufhört, wird’s eng für mich. Ich bräuchte dann neue Winterreifen. Aber die sind zur Zeit finanziell nicht drin“, hab ich damals gesagt, als ich mit meinen Kollegen beim Abendessen zusammen gesessen bin. Es war nämlich so: Mein Vater war damals schon sehr schwer krank und einmal pro Woche bin ich mit meinem klapprigen, alten Studentenauto von Linz nach Steyr gefahren, um dort meinen Vater im Pflegeheim zu besuchen und bei dieser Gelegenheit auch gleich verschiedene Erledigungen für meine Mutter zu tätigen. Aber bei so einem Wetter braucht man eben ordentliche Winterreifen – und die hatte ich eben nicht. Das liebe Geld war halt damals bei mir durch das Studium besonders knapp.

Ich weiß nicht, wie lange wir beim Essen über mein Uralt-Auto und die Winterreifen geredet haben.

Jedenfalls war am nächsten Morgen unser schönes Linz tief verschneit. Allein meine Freude daran hat sich ziemlich in Grenzen gehalten. Nach dem Frühstück gehe ich zu meinem Postfach. Vielleicht hab ich ja einen erfreulichen Brief oder eine lustige Karte bekommen. Das würde mich jetzt ein wenig aufheitern.

Tatsächlich – es ist da ein Brief für mich. Ohne Absender. Die Handschrift kenne ich nicht. Sie wirkt bei näherer Betrachtung auch so, als sei sie mit Absicht verstellt. Es steht mein Name auf dem Kuvert und nur zwei weitere Worte: „Für Winterreifen!“

Im Kuvert selbst ist ein ansehnlicher Geldbetrag...

Ich weiß bis heute nicht, wer von meinen Kollegen das war. Ich weiß nur, dass er selbst das Geld ebenso gut hätte brauchen können. Wir hatten damals ja alle miteinander nicht viel.

Und weiters weiß ich, dass ich das mein ganzes Leben nicht vergessen werde. Es war für mich ein Lehrstück. Da hat sich jemand als Mensch bewährt! Da hat jemand gegeben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich konnte mich ja nicht einmal wirklich bedanken...

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich mir vorgenommen hab, im Jahr 2021 mit besonders offenen Augen durch's Leben zu gehen. Vielleicht gelingt mir in ähnlicher Weise, mich als Mensch zu bewähren.

Ihr Pfarrer