Das Wort zum Sonntag – 32. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Das Evangelium dieses Sonntags lenkt uns auf das Opfer einer Witwe. Der Opferkasten, in den die Witwe das Geld hineinwirft, dient zum Unterhalt der Priester des Tempels. Wenn wir diese pikante Spitze beachten, dann ergibt sich folgende Gegenüberstellung: Die Witwe, arm und auf der unteren Stufe der Gesellschaft, legt ihren gesamten Lebensunterhalt in den Opferkasten. Die reichen Schriftgelehrten, welche vom Geld des Opferkastens leben, haben einen hohen gesellschaftlichen Rang, sie „fressen“ geradezu die Häuser der Witwen auf.

Jesus stellt uns zwei sehr plastische Beispiele von unterschiedlich gelebtem Glauben gegenüber. Einerseits das rührende Beispiel der armen Witwe, die mehr gegeben hat als die vielen Reichen; andererseits das abschreckende Beispiel der eitlen Schriftgelehrten.

Ich meine, dass beide Figuren, der eitle Schriftgelehrte und die weise Witwe, unterschiedliche Seiten starker Antriebskräfte verkörpern, die uns zu dem machen, was wir sind. Und Jesus wählt diese beiden Gegensätze wohl sehr bewusst, um seinen Jüngern aufzuzeigen, welche Wege vor ihnen liegen. Es geht im Leben immer wieder darum, ganz bewusst mit den Kräften, die uns antreiben, umzugehen und bewusst zu formen; immer wieder selbstkritisch in den Spiegel zu schauen.

Ich bin überzeugt, Jesus schaut jeder und jedem von uns mit einem liebevollen Blick über die Schultern, wenn wir diesen ehrlichen Blick in den Spiegel wagen. Er verurteilt nicht, er streckt uns die Hand entgegen, so wie er auch den Pharisäern und Schriftgelehrten seiner Zeit immer wieder die Hand ausgestreckt hat. Und er fordert uns auf, genau das Gleiche zu tun: Uns selbst immer wieder die Hand zu reichen, egal, wer uns aus dem Spiegel gerade anschaut.

Denn das andere Bild, das der vorbildlichen alten Witwe, trägt auch eine schwierige, aber wichtige Botschaft in sich. Diese arme Witwe verkörpert nicht gerade das Lebensziel, das irgendjemand anstreben würde. Im Gegenteil, die Witwe ist das Sinnbild für genau das, wovor sich viele fürchten: unumkehrbare Altersarmut. Die Witwe ist das Sinnbild eines Lebens, das am Ende vor allem vom Verlust geprägt war. Diese Frau hat schon einen langen Weg hinter sich, viele bewusste Entscheidungen getroffen, aber vermutlich noch mehr Entscheidungen akzeptieren müssen, die ihr das Leben durch Verlust und Veränderungen aufgezwungen hat. Meist sind es die tiefgreifenden Lebenskrisen, die uns Demut lehren und uns zu jener tiefen Weisheit und Glaubensüberzeugung führen, für die jene Witwe steht.

Ein weiser Professor der Theologie verabschiedete die vielversprechendsten Abgänger gerne mit den Worten: „Sie haben ein hervorragendes und profundes Wissen erworben, sie stehen voll Überzeugung in ihrem Glauben. Das sind wunderbare Voraussetzungen. Nun wünsche ich ihnen für ihr weiteres Leben nur noch eines: dass sie ein paar Mal ordentlich auf die Nase fallen. Dann kann ein wirklich guter Seelsorger aus ihnen werden.“

In der Haltung Jesu wird deutlich, dass es nicht um Ehre, Ansehen und Schein geht, sondern um die Hingabe aus ganzem Herzen.

Unausgesprochen steht für uns Christinnen und Christen heute die Frage im Raum, wie mein Verhalten aussieht, welchem Beispiel ich folge. Stelle ich mein Tun zur Schau oder handle ich aus innerer Überzeugung?

Ihr Pfarrer