Das Wort zum Sonntag – 29. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Die Machtfrage ist so alt wie die Menschheit. Und wenn wir schon nicht selbst auf dem Thron sitzen dürfen, dann halten wir es wenigstens mit den Zebedäussöhnen: zur Rechten und zur Linken, im Glanz der Lichtgestalt. Heerscharen von Subalternen haben sich an dieser geliehenen Macht ergötzt und verloren dabei nicht selten jeden menschlichen Anstand.

Macht ist in sich nichts Verdächtiges oder gar Unmenschliches, wenn sie nicht in ihr Zerrbild, die Gewalt, umschlägt. Der "ohn-mächtige" Mensch, etwa der Patient auf dem Operationstisch, ist kein Ideal. Es geht also nicht um Hilflosigkeit, Feigheit und Unterwürfigkeit, sondern um den reifen Umgang mit der Macht. Diese Lehre erteilt Jesus seinen Jüngern im heutigen Evangelium, in der markanten Sprache des Markusevangeliums. "Bei euch soll es nicht so sein!"

Es soll nicht darum gehen, mit Pathos auf "die da oben" zu schimpfen. Die Weisung Jesu richtet sich an jede und an jeden von uns, denn die geheime oder offen zur Schau gestellte Sehnsucht nach Überlegenheit ist uns seit unserer Kindheit eigen geworden, als wir uns unter unseren Geschwistern behaupten und vor den Klassenkameraden beweisen mussten. Sich selbst eitel in den Vordergrund rücken, die Leistungen der anderen verächtlich klein reden oder einfach ignorieren: es gibt so viele Spielarten der Eitelkeit, und hinter nicht wenigen verbirgt sich die verzweifelte Angst, ja nicht zu kurz zu kommen. Eine brutale Autorität, die sich dann im Erwachsenenalter austobt, wird nicht selten genährt von der Unruhe, dass es doch eintreten könnte, dass "die Mächtigen von Thron gestürzt und die Niedrigen erhoben werden". Was für eine befreiende Botschaft! Es gibt eine angstfreie Form des Umgangs mit der eigenen Mächtigkeit, dem eigenen Vermögen: es gibt ein dienendes Herrschen. Das hat nichts mit Schleimerei und Selbsterniedrigung zu tun, im Gegenteil. Man muss von seiner Würde überzeugt und sich seiner Begabungen bewusst sein, ohne jedes Minderwertigkeitsgefühl also, um wirklich dienen zu können. In Liebe dienen kann nur ein Mensch, der ein großes Format besitzt und die ganze Wahrheit des Liebens begriffen hat.

Das beginnt mit den kleinen alltäglichen Schritten. Ich denke an den Dienst des ersten Schrittes der Versöhnung, wenn das Gespräch verstummt ist und die Dinge quer liegen. Ich denke an die bewusste und sympathische Anerkennung der Leistung des anderen Menschen. Danke sagen ist eine großartige Form des Dienens.

Es geht nicht um krampfhafte Demutsübungen, sondern um die Freude an der eigenen Mächtigkeit, die sich als Werkzeug der Liebe in Dienst nehmen lässt. Aus diesem Holz ist der ganz andere Thron derer gefertigt, die das Herrschen und das Dienen nach dem Prinzip Jesu begriffen haben.

Ihr Pfarrer