Das Wort zum Sonntag – 28. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Über die Motive, die den namentlich nicht bekannten jungen Mann bewegten, eines Tages zu Jesus zu gehen und ihn zu fragen, was er denn tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen, steht nichts in der Bibel. Wir erfahren lediglich, wie er reagiert hat, als Jesus ihm empfahl, sein gesamtes Vermögen zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben: Er war traurig.

Nehmen wir einmal an, sein Motiv war das ehrliche Bedürfnis, den Gott wohlgefälligen Weg des Lebens zu finden. Dann war für ihn das Loslassenkönnen eine Hürde, die ihm zu hoch war, etwas, wofür er noch nicht reif war.

Möglicherweise war sein Motiv aber bloß, sich von Jesus die Bestätigung zu holen, dass er ohnehin ein phantastischer Bursche sei. Immerhin hat sein Auftreten etwas auffällig Theatralischen an sich: Er kniet sich hin und redet Jesu mit „Guter Meister“ an – und tut damit etwas, was Jesus ganz und gar nicht gefällt. Und als Jesus ihm die Zehn Gebote in Erinnerung ruft, stellt er sich als einen Musterknaben an Moral hin, der alle Gebote bereits längst befolgt hat, und zwar „von Jugend an“ und nicht etwa erst seit kurzem wie so manche andere, die erst durch Johannes den Täufer oder durch Jesus zur Umkehr fanden. Dann war das, was ihn im tiefsten traurig gestimmt hat, nicht so sehr der Verzicht auf das Geld, den Jesus verlangte, sondern dass Jesus nicht zu ihm sagte: „Du bist in Ordnung, du bist endlich einer, der Umkehr nicht nötig hat!“

Ihr Pfarrer