Das Wort zum Sonntag – 24. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

Während meiner Schulzeit war ich ein sogenannter Schwachmathiker. Während mir der Umgang mit Sprachen größtes Vergnügen bereitete und Gegenstände wie Geografie, Geschichte und Musik meine ungeteilte Aufmerksamkeit fanden, wollten sich mir die Gesetze der Mathematik nie so richtig erschließen. Freilich war ich in den Grundrechnungsarten durchaus firm und auch das Kopfrechnen klappte ziemlich rasch und unkompliziert. Allein diverse lineare und quadratische Gleichungen, binomische Formeln, Variablen und dergleichen rätselhafte Dinge mehr haben mir ihre Bedeutung nicht gänzlich offenbart. Und das lag ganz bestimmt nicht an meinem Lehrer. Ich hatte den besten Mathematiklehrer, den man sich vorstellen kann.

Nun, weil ich das Ganze schlicht und ergreifend nicht im Kopf behalten konnte, habe ich eines Tages beschlossen, bei einer wichtigen Schularbeit zu nicht ganz legalen Hilfsmitteln zu greifen, wie ich heute zu meiner Schande gestehen muss. Ein klassischer Schummelzettel schien mir allerdings doch zu riskant. Nicht auszudenken, was mein Lehrer, den ich ja wirklich gern hatte, von mir denken würde, wenn er mich damit erwischt...

Also was tun?

Irgendwo hab ich damals aufgeschnappt, dass es wohl das Sicherste sei, sich wichtige Dinge einfach in die Hand zu schreiben. Bei Bedarf könnte man die benötigte Information dann sehr diskret zur Verwendung bringen. Nun ist aber eine Kinderhand nicht unbegrenzt beschriftbar und daher musste ich streng selektiv vorgehen. Nur das wirklich Wichtigste wollte ich mir in die Hand schreiben! Und was soll ich Ihnen sagen – beim Nachspüren dessen, was wohl das Wichtigste sei, hab ich das Ganze dann doch soweit begriffen, dass ich von meinem finsteren Plan des Gebrauchs unerlaubter Hilfsmittel schließlich gänzlich absehen konnte und schlussendlich doch eine mittelprächtige Leistung hingelegt habe. Seither habe ich mir öfters Wichtiges in die Hand geschrieben, um es nicht zu vergessen. Zum Beispiel kann es unterwegs schon einmal vorkommen, dass ich mir rasch eine wichtige Telefonnummer, eine Adresse oder ein Namen in die Hand notiere. Das ist sicherer als ein Zettel, den man dann womöglich erst recht verliert. Aber nicht nur diese Gewohnheit trage ich seither als praktisches Erbe aus meiner Schulzeit mit mir. Ich habe noch viel mehr aus der Sache gelernt: Nur ganz Wichtiges schreibt man sich in die Hand! Daraus kann ich schließen, welchen Stellenwert ich selbst als Schwachmathiker, der ich immer noch ein wenig bin, bei Gott einnehme. Denn mir fällt ein Liedtext ein, der sich im Gesangbuch Gotteslob als zweite Strophe des Liedes mit der Nummer 435 findet: „Deine Treue wanket nicht, du wirst mein gedenken, wirst mein Herz in deinem Licht durch die Zeit hin lenken. So weiß ich, du hast mich in die Hand geschrieben, ewig mich zu lieben.“

Ihr Pfarrer