Das Wort zum Sonntag – 24. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Pfarrgemeinde!

das Leben Mahatma Gandhis war gekennzeichnet durch seinen gewaltlosen Protest gegen alle Unterdrückung. Er wollte keine Waffen benutzen. „Niemanden verletzen“, so hatte er die indische Lehre 77 Jahre lang seit seiner Kindheit befolgt. Dann treffen ihn im Jän. 1948 mitten in der belebten Großstadt Delhi die tödlichen Schüsse eines Fanatikers. Aber noch im Sterben bewegt er den Kopf. Er will seinen Mörder sehen. Aber er sieht nur die vielen Menschen, die um ihn herumstehen. So zieht er sterbend die schon kraftlose Hand über seine Brust, über sein Gesicht und legt sie auf seine Stirn: es ist das Zeichen der Versöhnung! Alle verstanden: er verzeiht seinem Mörder.

An heutigen Sonntag steht das Vergeben im Zentrum der Bibeltext: Petrus versucht, eine Formel zu finden, ein Regelwerk des christlichen Miteinanders. Er bemüht sich, die Grenzen des Vergebens festzumachen. Sieben Mal vergeben, und dann reicht es aber! Mir ist beim Lesen „Knigges Benimmschule“ in den Sinn gekommen: „Lieber Herr Knigge, wie verhalte ich mich jemandem gegenüber, dem ich Vergebung aussprechen möchte? Ist siebenmaliges Vergeben ausreichend?“ Und vielleicht hätte der Knigge auch eine passende Antwort für den Petrus parat.

Jesus macht jedoch jeder konkreten Antwort einen Strich durch die Rechnung. Er hält nichts vom formalisierten Vergeben. Denn welche Bedeutung hat das Um-Verzeihung-Bitten, wenn – kaum ist das „Entschuldige, bitte!“ ausgesprochen – genauso weitergemacht wird wie zuvor?

Vergebung ist kein punktuelles Ereignis, es ist für Jesus ein Prozess, eine Lebenseinstellung. Der Friedensnobelpreisträger Martin Luther King sagte einmal sehr treffend: „Vergeben ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebensstil.“ Mahatma Gandhi und M. L. King mögen dafür prominente Beispiele sein.

Mit Blick auf unser Evangelium denke ich, dass Vergebung etwas ist, wofür ich mich bewusst entscheiden muss, ein Weg, auf den man sich einlassen muss – ein Brief nach langem Schweigen, der Versuch den anderen zu verstehen und gewohnte zu Wege verlassen, ohne dabei formalisiert und nach gesellschaftlicher Norm zu handeln.

Ein hartes Stück Arbeit: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“

Pastoralassistent Michael Mitter