Das Wort zum Sonntag – Pfingstsonntag

Liebe Pfarrgemeinde!

Die Tatsache, dass die heutige Lesung mit ihren vielen schwierigen Völkernamen zum Schrecken aller LektorInnen gehört, macht deutlich, dass das Pfingstfest mit der Überwindung aller Sprachbarrieren offensichtlich keine bleibende Wirkung gehabt hat.

Die Tatsache, dass wir Menschen viele verschiedene Sprachen sprechen, macht nicht nur den Auslandsurlaub oder die Europäische Einigung so schwierig, sondern wird uns auch oft genug im Alltag bewusst:

Wie oft stellen wir fest, dass wir uns mit anderen Menschen einfach nicht verständigen können, dass lange Gespräche und oft auch viel guter Wille Missverständnisse, Verletzungen und Streitigkeiten nicht aus der Welt schaffen können. Auch zwischen den Generationen ist oft die Rede davon, dass wir verschieden Sprachen sprechen.

Warum tun wir uns so schwer damit, füreinander Verständnis zu haben? Ist das Pfingstgeschehen, von dem wir in der Lesung gehört haben, denn heute nicht mehr wirksam?

Die Antwort darauf gibt uns Paulus in seinem Brief an die Korinther: „Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“

Die Gabe des Geistes ist nämlich nicht eine geniale Sprachbegabung. Mit dem Sakrament der Firmung wird offensichtlich weder der Englisch- noch der Lateinunterricht überflüssig. Die Gabe des Geistes ist die Muttersprache der Kirche: die Liebe.

Die Liebe, das drängende Bedürfnis, sich dem anderen ohne Vorbehalte voll und ganz zuzuwenden, den anderen verstehen zu wollen, ist der Schlüssel zur Überwindung der Sprachgrenzen. Hinhören und Verstehen, gemeinsames Tun und gegenseitige Achtung sind die Vokabeln, die uns der Geist lehrt.

Deshalb ist es schlicht und ergreifend falsch, wenn wir davon sprechen, dass wir einander manchmal nicht mehr verstehen können. Vielmehr wollen wir oft nicht begreifen, was im Anderen vor sich geht. Die Angst, seine eigene Überzeugung zu verraten hält uns davon ab, allzu sehr auf Vorstellungen von anderen einzugehen. Aber gerade hier will Gottes Geist ansetzen und unsere Barrikaden aus dem Weg räumen, damit ein Miteinander möglich wird.

Nehmen wir daher diesmal das Pfingstfest als eine Art „Sprachurlaub“, in dem wir von und mit der Kirche unsere Muttersprache neu lernen. Denn die Muttersprache der Kirche ist weder Latein noch Griechisch - die Muttersprache aller Christinnen und Christen ist die Liebe.

Ihr Pfarrer