Das Wort zum Sonntag – 6. Sonntag der Osterzeit

Liebe Pfarrgemeinde!

„Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten.“ Dieses Lebensprogramm gibt Jesus allen, die ihm nachfolgen wollen, als Auftrag mit auf den Weg. So hören wir es heute im Evangelium. Aber wie lässt sich das verwirklichen? Wie lässt sich das in unserem Alltag umsetzen?

Vielleicht in dem wir versuchen, ein wenig hinter die Fassaden zu schauen.

Wie geht das?

Vom Dichter Rainer Maria Rilke wir erzählt, er ging in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz, an dem eine alte Frau saß, die um Geld bettelte. Ohne je aufzublicken, ohne ein Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin verwundert, warum er ihr nichts gebe. Rilke antwortete: "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand."

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle. Sie war stumm wie damals, wiederum nur wieder ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt?" fragte die Französin.

Rilke antwortete: "Von der Rose ..."

Ihr Pfarrer