Das Wort zum Sonntag – 3. Fastensonntag

Liebe Pfarrgemeinde!

Bekanntlich hat Lenin während seiner Studentenjahre eine Zeitlang in der Schweiz gelebt. Als ein Reporter auf die Idee kam, sich nach Leuten umzusehen, die noch Erinnerungen an den Begründer des Sowjetregimes hätten, staunte er nicht schlecht, als er in Zürich eine mittlerweile betagte Dame aufstöberte, die sich als Lenins ehemalige Zimmerwirtin entpuppte und ihm sagte, sie könne sich noch recht gut „an diesen Herrn Lenin erinnern“: der sei ja ein so netter Mensch gewesen, „nur schade: später hat man nie wieder etwas von ihm gehört!"

Gewitztere als diese ahnungslose Schweizerin hätten wahrscheinlich Memoiren mit dem zugkräftigen Titel „Ich war Lenins Zimmerwirtin“ geschrieben – und vielleicht allerlei schwer überprüfbare Geschichten hinzu erfunden, zum Beispiel, wie der junge Russe ihr beim Frühstück haarklein die Weltrevolution erklärt habe.

Dass ein bedeutender Mann nichts Wichtigeres zu tun haben sollte, als mit einer unbedeutenden Frau über bedeutende Dinge zu plaudern, ist nicht so leicht zu glauben. Schwer getan hat sich damit sogar jene Frau, die es am Jakobsbrunnen selber erlebte. Doch war ihr bald klar, dass der, der sich nicht zu gut dafür war, ihr beim Wasserschöpfen Dinge zu erläutern, über die er sonst nur zu der Menge sprach, selber ein sehr, sehr bedeutender Mann sein musste.

Ihr Pfarrer