Das Wort zum Sonntag – 2. Fastensonntag

Liebe Pfarrgemeinde!

Schon vor Beginn der Fastenzeit konnte man die diversen Fastenvorsätze der Mitmenschen vernehmen, die sich meist im Spektrum des Verzichtes auf Kaffee, Alkohol oder Süßigkeiten bewegen. Ich habe keinen Fastenvorsatz. Ich halte wenig von fastenbedingten Kaffee-Entzugs-Kopfschmerzen, akribischer Vermeidung von Genuss oder Allüren der Selbstbeherrschung. „Worum geht es eigentlich in der Fastenzeit?“, frage ich mich im Grunde jedes Jahr wieder.

Der Gott, an den ich glaube, will für den Menschen ein Leben in Fülle. Und ich denke, auch in jedem Menschen schlummert eine irgendwie geartete Sehnsucht nach Mehr, nach Glück, nach Fülle, nach Himmel, Paradies und Vollkommenheit.

„Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann“, sagte einmal Antoine de Saint-Exupéry.

Vielleicht wäre dies ein Fastenvorsatz: öfter innezuhalten, bevor ich auf die eingespielten Verhaltensmuster zurückgreife und zu fragen: Was braucht dieser Moment, dieser Tag, diese Stunde um erfüllt, um vollkommener zu sein? Vielleicht braucht es eigentlich keine Schokolade, sondern ein Gespräch? Vielleicht braucht es im Moment eigentlich keinen Kaffee, sondern Schlaf? Eventuell braucht es eigentlich nicht das Gläschen Wein, sondern eine tröstende Umarmung? Unter Umständen braucht es manchmal nicht die Fernsehserie, sondern einen Spaziergang in der Natur,…

Das wäre für mich ein wertvoller Sinn von Fasten: zu erkennen, was ich ganz persönlich für ein erfülltes Leben brauche und somit auch was man davon nicht wegnehmen kann.

In diesem Sinne wünsche ich eine erkenntnisreiche Fastenzeit!

Gudrun Becker, Pastorale Mitarbeiterin in der Pfarre Heiligste Dreifaltigkeit